Die Anfänge des Projekts:

Aussaat, Bodenbereitung Michael Spengler bei der Bodenbereitung Rainer Just bei der Bodenbereitung

Die Evangelische Versöhnungsgemeinde hat im September 2005 mit den Vorbereitungen des Bodens für ein Roggenfeld begonnen. Im September 2005 wurde die Saat ausgebracht. Im Sommer 2006 wollen wir das Korn ernten.

Das Feld des wachsenden, des reifenden und des wogenden Korns, das Bild der "Kapelle im Kornfeld" läßt vielen Assoziationen Raum. Die Josephsgeschichte mit den "sieben fetten und den sieben mageren Jahren", die biblischen Gleichnisse vom "Vierfachen Acker", der "Selbstwachsenden Saat", vom "Unkraut unter dem Weizen", vom "Korn das nicht lebendig wird, wenn es nicht stirbt".
Es stellt ein Gegen-Bild dar zu der Kirche im Todesstreifen. Es gibt Anregung zum Nachdenken über den großen Prozess des Werdens und Vergehens.

Wir werden uns im November diesen Jahres, wie in jedem Jahr, mit denen erinnern, die im letzten Jahr einen Menschen verloren haben, in Gottesdiensten, Vorträgen und im Rahmen eines Projektes zur Kultur des Gedenkens. Wir wollen in einer Veranstaltungsreihe mit Interessierten über diese Fragen ins Gespräch kommen.

Aussaat Aussaat Aussaat

Die geologische Vorgeschichte
Der Hang an dem die Kapelle steht, ist Teil von eiszeitlichen Ablagerungen, die auf die Weichselkaltzeit vor ca. 15 000 Jahren zurückgehen. Deshalb gibt es hier viel Sand, Lehmboden und immer wieder Findlinge. Der große Findling am Rande des Roggenfeldes z.B. wurde bei Straßenbauarbeiten im Sommer 2005 gefunden. Es ist ein rötlicher Granit. Gut zu erkennen ist seine kristalline Struktur. Wir sehen Feldspate, Quarze und Glimmer. Er stammt ursprüglich aus dem skandinavischen Raum (vermutlich Schweden). Der Gletscher hatte ihn bis nach Berlin geschoben, bis er abtaute und seine Geschiebemasse liegen blieb.

Die historische Entwicklung der Gegend
Weit vor den Toren Berlins gelegen, waren vor 200 Jahren hier noch Äcker. Die Straßennamen im Umfeld geben darüber Auskunft: Ackerstraße, Gartenstraße und Feldstraße.

Noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts holten sich die ärmeren Berliner der nördlichen Vorstädte von hier ihr Feuerholz zum Kochen. Da niemand für Wiederaufforstung des Geländes sorgte, kam es zu Erosionen. Der dünne Mutterboden war bald abgetragen und der kräftige Berliner Wind trug den märkischen Sand in die Stadt. Man sprach zur damaligen Zeit von regelrechten Sandstürmen. Die Beherrschung dieser Sandwüste wurde zum langjährigen Problem der Residenzstadt. Eine der Abhilfen war ihre Besiedlung.

Jenseits der Akzisemauer (heute Torstraße) und des Rosenthaler Tores siedelte Friedrich der Große Glaubensflüchtlinge aus Frankreich und Böhmen an. In kleinen Kolonisten-Häusern (Häuschen mit Garten zur Selbstversorgung) sollten sie sich und die wachsende Residenzstadt mit Obst und Gemüse versorgen.

Unter der Regierung König Friedrich Wilhelm III. wurde das "Vogtland", die Gegend nördlich des Rosenthaler Tores und in Nachbarschaft zur Spandauer Vorstadt, in "Rosenthaler Vorstadt" umbenannt. Sie umfasste die Invaliden-, Chaussee-, Garten-, Berg-, Acker und Brunnenstrasse. In der zweiten Phase der industriellen Revolution in Berlin wurden hier Eisengießereien und metallverarbeitendes Gewerbe angesiedelt: die berühmte KÖNIGLICH-PREUSSISCHE EISENGIESSEREI, die kunstvolle Gußarbeiten (im Schinkelschen Design) produzierte, F. A. EGELLS und später L. SCHWARTZ-KOPFF, und A. BORSIG. Letzte Relikt dieser Epoche sind das Kolonistenhaus der ersten Besiedlungsphase am Ende der Ackerstraße (rechte Seite) und das Gelände des Stammwerks der AEG (heute TU-Berlin genutzt).

Der Bau der alten Versöhnungskirche
1835 beaufragt der Preußische König seinen Hofbaurat Schinkel mit dem Entwurf von vier Vorstadtkirchen für Berlin, darunter auch St. Elisabeth an der Invalidenstrasse, die "Mutter" der alten Versöhnungskirche.

Die Versöhnungskirche wurde vom Mecklenburgischen Baurat Möckel auf einem Teil des Elisabethfriedhofs gebaut, den die Gemeinde bei ihrer Gründung erwarb und durch ein zusätzliches Grundstück an der Bernauer Straße erweiterte. Die Bauarbeiten begannen im Juni 1892. Eingeweiht wurde die Kirche in Anwesenheit der Kaiserin Auguste Viktoria am 28. August 1894.

"Die Versöhnungskirche, errichtet im vermeintlich tiefen Frieden der Wilhelminischen Zeit, wurde Zeuge der großen Umbrüche von 1918 und 1933. Sie wurde im 2. Weltkrieg durch englische Bomben stark beschädigt und danach mühsam wieder hergerichtet. Dann traf sie am 13. Au-gust 1961 das einzigartige Schicksal des Baus der Berliner Mauer.

Mitten im Niemandsland gelegen, war sie für mehr als 20 Jahre nicht mehr zugänglich für ihre geteilte Gemeinde, weder diesseits noch jenseits der Grenze. Das war ohne Beispiel. Ohne Beispiel war dann auch, dass die DDR 1985, also nur vier Jahre vor der Wiedervereinigung, die Kirche gesprengt, sie einfach dem Erdboden gleich gemacht hat." (Dr. Günther Braun)

die Saat geht auf die Saat geht auf die Saat geht auf

Das leere Grundstück
Der Todesstreifen der Berliner Mauer an der Bernauer Strasse, dessen Postenweg vor der Kapelle erhalten ist, wurde mit dem Fall der Mauer, am 9. November 1989 zugänglich. Das Leben kehrte zurück. Schon wenige Monate nach dem 9. November 1989 wurde in einer Aktion "MauerLandLupine" der DDR-Bürgerbewegung auf dem Todesstreifen Samen ausgesät. Mit diesem starken Symbol wurde der ungeheure Transformationsprozeß des "Todesstreifen der Mauer" deutlich. Er machte dieses "Niemandsland" urbar für die Rückkehr des Lebens.

Der Bau der "Kapelle der Versöhnung"
Zum 10. Jahrestag des Mauerfalls am 9. November 1999 konnte das Richtfest der Kapelle der Versöhnung gefeiert werden.
Die Frage nach dem Profil von ‚Kirche in der Stadt' musste in der Bernauer Straße neu beantwortet werden. Die Rückkehr der alten Glocken der Versöhnungskirche und des Altars, die Grabungen an ihren Fundamentresten haben diesen Prozess geprägt. Die Kapelle der Versöhnung ist unsere Ant-wort: Ein mo-derner Stampflehmbau auf den Fundamenten der gesprengten Versöhnungskirche in dem der gerettete Altar und die Glocken wieder ihren Platz gefunden haben.
Die neue Kirche hat drei Räume
Einen großen Kirchplatz unter freiem Himmel - die Grundfläche der alten Kirche am Läute-gerüst.
Den Wandelgang mit seinen Sitzgelegenheiten - unter dem Dach der Kapelle, aber noch im Freien.
Der kleine von den Lehmwänden geschützte Raum der Kapelle mit dem alten Altar. Ein neuer Lehmaltar birgt im Innersten die vasa sacra.
Alle drei Räume legen Spuren frei
Der Kirchplatz die Schwellen des historischen Kirchenportals, den Postenweg des Todesstreifens und das Volumen der alten Kirche.
Der Wandelgang die Fundamente der gesprengten Kirche an ihrer Apsis.
Die Kapelle eine zugemauerte Kirchentür - "Mauer" 1961.

Die Kapelle der Versöhnung innerhalb der Gedenkstätte Berliner Mauer
Die Gedenkstätte besteht aus Bausteinen, die einen jeweils spezifischen Zugang zur Vergangenheit eröffnen: die Spuren und Ereignisorte entlang der Bernauer Strasse das Denkmal der Berliner Mauer, das Dokumentationszentrum und die Kapelle der Versöhnung.

Die herausragende Bedeutung der Bernauer Straße als zentralem Ort für das Mauergedenken hat das Interesse der Öffentlichkeit für diese Erinnerungslandschaft in den letzten zwei Jahren verändert und den Strom der Besucher ständig wachsen lassen. Dieser Entwicklung wurde Rechnung getragen im "Gedenkkonzept Berliner Mauer" des Senats von Berlin.
Seit dem 13. August 2005 finden von Dienstag bis Freitag um 12.00 Uhr mittags in der Kapelle der Versöhnung Andachten zum Gedenken an die Todesopfer der Berliner Mauer statt. Im Mittelpunkt jeder Andacht steht die Biografie eines Mauertoten.

das wogende Kornfeld das wogende Kornfeld das wogende Kornfeld

Das Bild eines wogenden Kornfeldes knüpft an viele Bilder und schafft Bezüge, die im Umfeld der Großstadt um so stärker werden, wo den Menschen oft jeder Bezug zum Rhythmus der Jahreszeiten und zum Lauf des Jahresfeste verlorengegangen ist.

Das ein Kornfeld einen Friedhof rahmt ist aber weder neu noch einmalig. In Schweden, in der Nähe der Stadt Uppsala, wurde schon in den 60er Jahren auf einem Friedhof das Bild des wogenden Kornfeldes aufgenommen. Auf dem 1965 von Ulla Bodorff entworfenen Berthaga-Friedhof bei Uppsala werden die Besucher am Eingang von einem großen Roggenfeld begrüßt.

So versinnbildlicht ein Getreidefeld, die vom Menschen gestaltete Natur. Der Mensch erlebt den Prozess von Säen, Wachsen und Vergehen innerhalb eines Jahres und begleitet ihn in Ritualen. Er feiert ein Erntedankfest. Er gedenkt im Lauf des Jahres wiederkehrend seiner Verstorbenen.

Berlin, September 2005

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