Deutsche Zusammenhänge
in der Lehmkapelle an der Bernauer Strasse angucken


„99 Zeilen" Schwerk 13.8.2000 Tagesspiegel
Solche Augenblicke an solchen Orten - ich kann mir nicht helfen - sind mir doch immer wieder kostbar. Ja, ich koste sie auch zehn Jahre nach dem Mauerfall bewusst und dankbar aus.
So betrat ich den ehemaligen Todesstreifen, der übrigens nie und an keiner Stelle in Berlin vermint war, wie das neuerdings von Unkundigen in Berliner Dingen oft behauptet wird. Also, ich schob einen Bauzaun am ehemaligen Todesstreifen beiseite. Eine rauhe Stimme aus dem Geländeinnern, wo Bauarbeiter am Werke waren, rief: He, Sie! Was machen Sie denn da! Soll er doch rufen, der Störenfried: ich GENIESSE DEN AUGENBLICK. Und schritt gespielt energisch drauflos, um mit dieser Gangart amtliche Befugnis vorzutäuschen - auf die Kapelle der Versöhnung zu.
Damit wäre der Ort bezeichnet, der denkwürdig ist und dankwürdig auch: die Bernauer Strasse in Wedding. Diese Kapelle wurde zehn Jahre nach dem Fall der Mauer von der Versöhnungskirch-Gemeinde dort erbaut, wo ihr grosses Gotteshaus auf dem zu Ost-Berlin gehörenden Grenzstreifen bis zu dessen Sprengung 1985 gestanden hatte.
Es stand den Schützen in ihrem Schussfeld im Wege und war dem ideologischen Hassanspruch des SED-Regimes wegen des Versöhnungs-Namens sowieso ein Dorn im Auge.
Die Kapelle nun ist ein kleiner, den heutigen Gegebenheiten angemessener Gottesdienst- und Andachtsraum. Er ist über diese vorrangige Bestimmung hinaus ein in allem tief durchdachter Entwurf für ein Mauer-Mahnmal.

Ein Werk der Berliner Architekten Peter Sassenroth und Rudolf Reitermann, die ihre Zeit verstanden und ihr eine architektonische Form gegeben haben. Mit einem elyptischen Lehmbau ist's ein kluger Rückgriff auf ein billig verfügbares, in Menschheitsaltern erprobtes und obendrein schönes Material. Der Bau ist ummantelt mit schmalen, in lichtdurchlässigen Abständen senkrecht angebrachten Latten.
Dem gestampfter Lehm wurden zermahlene Steine des gesprengten Gotteshauses beigemischt. Die führende Hand nimmt auf der glatten Wand diese körnige Durchdringung wahr, und der Verstand begreift den Zusammenhang. Die Kapelle ist übrigens nicht beheizbar. Auch das ist eine durchdachte Bescheidenheit; - denn eine nicht allzu behagliche warme Kirche zwingt die Prediger zu gebotener Kürze.
In der Versöhnungskapelle ist alles be-redter Zusammenhang. Bei der Ausschachtung stieß man auf den Kellerzugang des Vorgängerbaues. Auch er war von den Grenzern zugemauert worden. Das alte Ziegelwerk, auf das ein Gotteshaus gebaut worden war, fügt sich nun mit Steinen, die freiem Menschenwillen in den Weg gelegt wurden.
Wir können durch eine in den Kapellenboden eingelassene Glasscheibe auf diesen Zusammenhang hinabblicken und sehen noch etwas, das diesem deutschen Bild einen beredten Bezug gibt: einen Blindgänger aus dem letzten Krieg. Er liegt entschärft auf den Kellerstuben bei der vermauerten Tür. Man hatte ihn bei den Erdarbeiten für die Lehmkapelle gefunden.

Deutsche Zusammenhänge an Orten deutscher Trennung müssen nicht immer tragisch sein. Schon gar nicht in der Versöhnungskapelle. Dort hat einen komischberedten Bezug die alte Kirchenbank, die aus der Versöhnungskirche stammt. Sie war an einen hohen Kulturschaffenden der DDR geraten. Dessen Namen verriet man mir nicht. Der Typus gilt mehr als der gewöhnliche Name. Dieser Kultur-Mann hatte die Kirchenbank in seine Sauna gestellt. Nun ist es einem jeden Sitzmöbel einzig zugeteilt, Gesäßen zu dienen. Hier nun einem Arsch. Er war, nachdem sich sein Blatt gewendet hatte, klamm geworden und gab die Kirchenbank dorthin zurück, wo sie nun bei den neuen Stühlen der Versöhnungskapelle steht. Auch eine Kirchenbank, so hart sie im Geben ist, kann schon was durchmachen.

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