DIE EVANGELISCHE VERSÖHNUNGSGEMEINDE

1895 errichtet im vermeintlich tiefen Frieden der Wilhelminischen Zeit, war die gesprengte Versöhnungskirche Zeuge der großen Umbrüche von 1918 und 1933. Im 2. Weltkrieg durch Bomben stark beschädigt, danach mühsam und nur behelfsmäßig wieder hergerichtet, traf sie 1961 das einzigartige Schicksal des Baus der Mauer - für mehr als 20 Jahre nicht mehr zugänglich für ihre geteilte Gemeinde. Das war ohne Beispiel. Ohne Beispiel war dann auch, dass die DDR 1985, vier Jahre vor der dem Fall der Mauer, die Kirche gesprengt, sie einfach dem Erdboden gleich gemacht hat. Nach der friedlichen Revolution von 1989 begann die Versöhnungsgemeinde, ihre Position neu zu bestimmen. Zunächst waren praktische Fragen zu klären. Erinnert sei an das Engagement der Bürgerinitiative Bernauer Straße. Bald war der Gemeinde bewußt, daß sie auch eine große Verantwortung für die historischen Fragen hat. Auch die Frage nach dem Profil von 'Kirche in der Stadt' mußte in der Bernauer Straße neu beantwortet werden. Die Rückkehr der alten Glocken der Versöhnungskirche und des Altars, die Ausgrabung von Fundamentresten haben diesen Prozeß geprägt.
Die Kapelle der Versöhnung ist unsere Antwort: Ein moderner Stampflehmbau auf den Fundamenten der gesprengten Versöhnungskirche, in dem der gerettete Altar und die Glocken wieder ihren Platz gefunden haben. Die Kapelle wurde nach Entwürfen der Berliner Architekten: Peter Sassenroth und Rudolf Reitermann und durch den österreichischen Lehmbauspezialisten Martin Rauch über den Fundamenten des Chorraums der gesprengten Versöhnungskirche errichtet. Sie ist ein Stampflehmbau mit Eiförmigem Grundriß, mit einem nach Osten ausgerichteten Kern aus massivem Stampflehm. Im Innenraum der Kapelle über der freigelegten Kellertreppe der alten Kirche mit Resten einer 1961 beim Mauerbau zugemauerten Kellertür steht das gerettete Retabel des Altars. Im neuen Altar der Kapelle, ein Stampflehmkörper der auf der in den Boden eingelassenen alten Altarplatte in der Ostung der Kapelle steht, liegt das Mauertotenbuch. Den Sakralraum umschließt ein Wandelgang gerahmt von hölzernen Lamellen. Vor der Kapelle im nachgezeichneten Grundriß der alten Kirche sind die geretteten Glocken in einem Holzgerüst aufgehängt. Sie werden von Hand geläutet. Die feierliche Einweihung der Kapelle der Versöhnung erfolgte im Jahr 2000.
Die Kapelle der Versöhnung steht an einem Ort, an dem die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts in ihrer ganzen Dramatik erfaßt werden kann. Hier mitten in Berlin, auf dem ehemaligen Todesstreifen der Berliner Mauer wurden nach ihrem Fall 1989 Zeichen gesetzt. Die Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße erinnert an das Leid der deutschen Teilung und die Kapelle der Versöhnung ist als Teil dieser Gedenkstätte. Die Kapelle ist die Gottesdienststätte der Evangelischen Versöhnungsgemeinde, Gemeindemitgliedern wie Besuchern soll die Kapelle als Ort der Erinnerung und Andacht dienen.
In der Kapelle der Versöhnung kann man neu verstehen, was das Neue Testament seit zwei Jahrtausenden in sich birgt - den Ruf Gottes, der an uns gerichtet ist: Ihr seid zur Freiheit berufen.